Prof. Dr. Cramers Arbeitsschwerpunkte liegen in folgenden Bereichen: die gesellschaftliche Organisation psychischen Leidens, Formen und Inhalte psychosozialer Hilfe f├╝r psychisch kranke Menschen. Er lehrt an der Fachhochschule M├╝nchen im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.

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Auszug aus dem Interview mit Prof. Dr. Manfred Cramer:

M. Cramer: Wir waren auch in der BayGSP, im Bayerischen Landesverband der Gesellschaft f├╝r Sozialpsychiatrie. Den haben wir gemacht. Das f├╝hrte auch dazu, dass wir uns dann die Reformverb├Ąnde genannt haben, also DGSP, DGVT und ein bisschen daran geh├Ąngt auch die GWG. Wir haben versucht, eine eigene Position zu entwickeln und haben in der damaligen Zeit das Psychotherapeutengesetz sicherlich um 15 Jahre verz├Âgert. Und das zusammen mit der ├ľTV. Diese Position kollabierte dann so Anfang der 80er Jahre, als diese berufsst├Ąndischen Elemente st├Ąrker wurden ...

Wie haben Sie das Psychotherapeutengesetz um 15 oder 20 Jahre hinausgeschoben? Ende der 70er gab es ja schon den ersten Referentenentwurf. Was waren zum einen Ihre Argumente dagegen und zum anderen, wie haben Sie das hinausgeschoben?

M. Cramer: Das kann man nachlesen diese Argumente, die wir damals entwickelt hatten. Ich denke, die gelten heute noch. Die Psychologen haben sich damit marginalisiert: Ich mache jetzt f├╝r den Bezirk Oberbayern eine relativ gro├če Untersuchung ├╝ber Modernisierung der Psychiatrie, also den Umbau der Psychiatrie weg von den gro├čen Kliniken hin zu mehr Arbeit in Verb├╝nden, Arbeit in Sektoren. Ja, das untersuche ich in M├╝nchen S├╝d. Das ist ein Sektor mit 400.000 Einwohnern, da gehen im Jahr 6.000 Patienten durch. Man sieht eine einzige Psychologin, eine einzige.

Also in der psychosozialen Zunft haben sich die alten Verh├Ąltnisse wieder hergestellt. Das was fr├╝her F├╝rsorgerin und Psychiater waren, das sind jetzt die neuen Akteure in den neuen Berufsgew├Ąndern. Und Psychologen sind drau├čen. Ja?

Und das geht dann auch weiter, das kennen Sie ja von der FU in Berlin, genauso wie es ├╝berall ist. Es war immer klar, dass mit dem Psychotherapeutengesetz die ├ärzte in der ganzen Geschichte die Mehrheit kriegen werden, dass auf die Art und Weise die Psychologen so ├Ąhnlich wie die ├ärzte eigene Praxen aufmachen m├╝ssen und als Einzelg├Ąnger vor sich hinwirtschaften m├╝ssen, mit den entsprechenden Problemen, was die Qualit├Ąt der Arbeit angeht. Und mittlerweile sind die ja vollkommen abgeh├Ąngt.

Die Niedergelassenen meinen Sie?

M. Cramer: Ja, hinzu kommt noch dieses Element, das damals schon da war, dass eine Generation gewisserma├čen die j├╝ngere Generation auspl├╝ndert ...

Sie meinen die ├Ąltere Generation, die in dem Lehrbereich t├Ątig ist, und die j├╝ngere, die die Ausbildung machen ...

M. Cramer: ... die jungen Studenten ... Ja, das ist ja ein einzigartiger Vorgang. Die Dozenten gehen dann an einem Wochenende mit vielleicht dreitausend Mark nach Hause, indem sie Wissen verkaufen.

Das waren immer die Argumente, also: Marginalisieren, daraus ein privatwirtschaftliches Gesch├Ąft machen. Und das letzte Argument ist, dass Verhaltenstherapie idiotisch tot ist. Das ist ja ein Witz, dass die durchgekommen ist. Das liegt eben an den ├ärzteverb├Ąnden, sonst w├Ąre das auch nicht gelaufen. Allein das Wort Verhaltenstherapie, das hat nat├╝rlich in den ├Ąrztlichen Kreisen eine ganz andere Bedeutung. Und jetzt sieht man, dass sich in den letzten zehn Jahren die Verhaltenstherapie in der Psychiatrie auch marginalisiert hat. Das gibt es ja fast gar nicht mehr. Die Analyse ist viel breiter geworden, als man jemals dachte.

Und dann: ... Verhaltenstherapie mit Psychosen, also das wird ja immer wieder gemacht. Das ist unglaublich, was da passiert. Dieser Wildwuchs, den wir ja vorhergesehen haben, der ist in der ├╝belsten Form eingetreten, mit den ganzen Effekten. Und die Verlautbarungen von der DGVT oder von der GWG, die unterscheiden sich in meinen Augen durch nichts mehr von irgendwelchen Massagezeitschriften oder dem Deutschen Verband der Heilb├Ąder oder so was. Die sitzen jetzt auf ihren Gelds├Ącken und gucken, dass sie die Pfr├╝nde verteilen.

Das Einzige was von damals noch geblieben ist, wird ein liberaler Unterbau sein, der aber bei den Ausbildungskandidaten nat├╝rlich schnell weggewischt wird, weil die ganzen Sachen, die damit verbunden sind ...

M. Cramer: Ich finde, dass das ein einzigartiger Vorgang war, der ohne Beispiel ist, also ein Versuch, die Ausbildung aus der Hochschullandschaft herauszubrechen und privatwirtschaftlich zu organisieren. Das ist ja ein anderer Vorgang, in keinem Studiengang finden Sie etwas Ähnliches. Also nicht mal bei den Medizinern, die solche Intentionen in der Form nie hatten ...

Oder das Frivole an der Geschichte waren die ganzen Schneeballgesch├Ąfte, wie die Psychoanalyse sie betreibt, die es ja genauso macht: also aus der Uni heraus, dann ist man Kandidat. Und jetzt ist es ja auch so geworden. In M├╝nchen kostet eine Psychoanalyse-Ausbildung etwa 120.000 Mark und eine Verhaltenstherapieausbildung genau die H├Ąlfte. Das Anerkennungsverfahren ist leichter bei der Verhaltenstherapie und das Gehalt sp├Ąter ist schlechter, das Gutachterverfahren ist schwerer. Das hei├čt also, was beim Psychotherapeutengesetz jetzt herausgekommen ist, ist an den gro├čen Bruder Psychoanalyse angelehnt, eine Art Schmalspurausbildung, aber doch mit drastischen Konsequenzen sowohl f├╝r die Psychologiestudenten als auch f├╝r den Beruf. Das w├Ąre meine

Was waren die Gr├╝nde, dass sich das so entwickelt hat, in Richtung Privatisierung und Herausbrechen aus den Universit├Ąten der Ausbildungen? Und welche Rolle hat die GVT bzw. die DGVT in dem Prozess gespielt?

M. Cramer: Ich glaube, man kommt weiter, wenn man das auf einer allgemeineren Ebene abbildet. Das war ja die Zeit, die man jetzt im Nachhinein als die Zeit der gro├čen Individualisierungen und Enttraditionalisierung beschreibt, wo die Verschiedensten davor standen - also wir alle auch - mit einer gewissen Hilflosigkeit, wie man damit umgeht, wo der Psychoboom aufbrach ...

Damals entstand ja auch die "Psychologie heute" ..., die Idee die kam ja aus den USA und dann haben sie es hier nachgemacht. "Psychologie heute" das auch noch zu nennen, ist ja ein Witz.

Wieso, das versteh ich jetzt nicht, was Sie meinen?

M. Cramer: Ja, dass man ein Monatblatt machen kann mit der Zielgruppe der weiblichen Spiegelleser und damit auch ├╝ber die Runden kommt. Das w├Ąre zehn Jahre vorher ├╝berhaupt nicht denkbar gewesen. Also das ist, das ist ... Oder das Interesse an Psychologie oder an Psychotherapie! Das sind ja bestimmte Metaphern, die gewisserma├čen durch sozialen Wandel transportiert worden sind, wo sie gewisserma├čen Alle davor standen, sicherlich am komischsten innerhalb der GWG mit ihrer Rogerschen Gutmenschen-Metaphorik, die haben diese Begriffe ja heute noch. Ich kann nur mit dem Kopf sch├╝tteln, wie die immer noch an ihren bibelartigen Texten festhalten und jetzt eigentlich nur Eines im Kopf haben: dass sie es wie die DGVT schaffen irgendwie da hineinzukommen, und dass sie die drei Kriterien erf├╝llen, um ihre Ausbildung oder ihre Ideen zu legitimieren  ...

Was w├╝rden Sie sagen, mit dem Psychoboom: Was war damals eigentlich der gesellschaftliche Bedarf, was war das gesellschaftliche Problem, in das die Verhaltenstherapie und sicherlich auch die anderen therapeutischen Ans├Ątze hineingepasst haben?

M. Cramer: Gerade in den 80er Jahren ist ein sehr guter Body an Literatur auch zum Psychoboom entwickelt worden, der genau diesen Fragen nachgegangen ist. Der Spektakul├Ąrste war sicherlich der New Yorker Szasz mit seinem Mythos der Psychotherapie oder North, dieses Buch war vielleicht interessant, oder auch Castel und Castel, diese Arbeiten, die damals herauskamen. Oder in Holland gab es ein paar, die gewisserma├čen glaubten, dass dies Zeit des gro├čen Umbruchs vorbei ist und es jetzt diese kleinen reformistischen Modernisierungsbestrebungen innerhalb der Gesellschaft gibt. Das war nat├╝rlich eines. Das andere war sicherlich die Enttraditionalisierung und die Frage "Wer bin ich", die die Mittelschicht in der ganzen westlichen Welt pl├Âtzlich bewegt hat. Dass die Zeitschriften, wie "Brigitte" damals, anfingen, sich zu psychotherapeutisieren, das h├Ąngt sicherlich auch mit der beginnenden Frauenemanzipation zusammen, die sich ja von der Psychobewegung dann komplett abgespalten hat. Soweit ich das sehe, aber ich verfolge das ja kaum noch, ist dieser Unterstrom in den Psychotherapieverb├Ąnden gar nicht mehr aufgegriffen worden. Also die haben sich gewisserma├čen selber den Boden entzogen, indem sie funktion├Ąrshaft geworden sind.

Ich glaube, jetzt kommt eher so die Herrschaft der Systeme und so etwas. Aber diese Aufbruchstimmung ist vorbei.