Prof. Dr. Eva Jaeggi promovierte 1957 an der Universit├Ąt Wien in den F├Ąchern Psychologie, Philosophie, Geschichte. Anschlie├čend war sie von 1957-1961 Assistentin an der Sozialforschungsstelle Dortmund. Nach ihrem Umzug nach Bern 1961 arbeitete sie zun├Ąchst Betriebspsychologin bei der schweizerischen Post (PTT) und 1962-1967 an der Akademischen Berufsberatung Bern. Nach der Geburt Ihrer Tochter Rahel war sie 1967-1972 im Studienb├╝ro der Universit├Ąt Bochum t├Ątig, wo sie nach einiger Zeit die Leitung ├╝bernahm (Studentenberatung bei pers├Ânlichen Problemen bzw. Studienproblemen).

Von 1972-1978 ├╝bernahm sie eine Asssistenzprofessur an der Freien Univ. Berlin, wo sie sich 1978 habilitierte. 1978 erhielt sie einen Ruf an die Technische Universit├Ąt Berlin und ist seither Professorin f├╝r Klinische Psychologie. Seit den Siebzigerjahren war sie immer auch in freier Praxis psychotherapeutischen t├Ątig. Nach ihrer Ausbildung als Psychoanalytikerin (1987-1992) war sie im System der kassen├Ąrztlichen Versorgung t├Ątig.

Seit 1998 ist sie Mitglied im Berliner Institut f├╝r Psychotherapie und Psychoanalyse (BIPP) und dort auch als Dozentin und Lehranalytikerin t├Ątig. An der "Berliner Akademie f├╝r Psychotherapie" leitet sie seit 1998 den wissenschaftlichen Schwerpunkt "Tiefenpsychologie".


Auszug aus dem Interview mit Prof. Dr. Eva Jaeggi:

E. Jaeggi: Nach Bochum war ich gekommen als brave Ehefrau. Man fragte nat├╝rlich gar nicht, "Kann ich da arbeiten", sondern "Es wird sich etwas ergeben". Was damals viel leichter war. Mein Mann hatte einen Ruf angenommen, er war Professor. Dann habe ich geschaut, was ich finde. Er hatte schon den Psychologen dort, das war Heckhausen, gefragt, ob der irgendetwas f├╝r seine Frau w├╝sste.

Ich muss vielleicht vorausschicken, dass ich in Bern als eine Art Schulpsychologin gearbeitet habe. Heckhausen hat damals gesagt, so eine richtige Stelle nicht, aber eine wissenschaftliche Hilfskraftstelle, sie h├Ątten gerade eine Studentenberatungsstelle gegr├╝ndet.

Er hat mich zu sich bestellt und gefragt, was ich so mache und, ob ich schon etwas von Verhaltenstherapie geh├Ârt h├Ątte. Das war im Jahr 1967. Da ich in solchen Dingen relativ clever bin, habe ich nicht gesagt, "Ach nein, eigentlich wei├č ich noch kaum was", sondern ich habe gesagt, "Ja, ja, nat├╝rlich, interessiert mich sehr", weil ich die Stelle haben wollte. [Frau Jaeggi hatte vorher im Gespr├Ąch von ihrer Lekt├╝re Wolpes erz├Ąhlt] Ich wusste aber nicht, wie man den Namen ausspricht, aber dass er in S├╝dafrika das erste Buch geschrieben hat. Dann habe ich gesagt, "Ah, mir f├Ąllt jetzt der Name nicht ein, der aus S├╝dafrika", weil ich wusste, wenn ich den jetzt falsch ausspreche, dann wird klar, dass ich ├╝berhaupt nichts wei├č. Dann hat er gesagt, "Wolpe", Ja, nat├╝rlich Wolpe". Das war mein Beginn, das war meine Karriere als Verhaltenstherapeutin.

Das war dann klar, ich bin damals auch so gehandelt worden, "Ja, klar, das ist Frau Doktor Eva Jaeggi, unsere Verhaltenstherapeutin". So war mein Beginn, ich habe genaugenommen wirklich keine Ahnung gehabt, habe aber nat├╝rlich in der Bibliothek geschaut und nachgelesen.

Dann hat Heckhausen ziemlich bald Kanfer eingeladen. Und Kanfer ist ein sehr guter Lehrer gewesen. Er war ein Gastsemester dort, da habe ich ein Seminar bei ihm besucht, Supervisionen gemacht, und habe mich da so reingef├Ądelt im Grunde ohne viel Anleitung. Kanfer war selbst noch jung, wir waren alle ziemlich jung ... Aber auf diese Weise, Trial and Error, haben wir uns als Verhaltenstherapeuten ausgebildet.

Langsam habe ich dann eine Gruppe um mich gehabt, auch meine Praktikanten, Mitarbeiter. Ich bin dann Leiterin dieser Stelle geworden, die Hilfsstelle ist bald umgewandelt worden in eine richtige Stelle, und ich habe auch die Leitung ├╝bernommen. Und wir haben angefangen, uns als Verhaltenstherapeuten zu definieren, zuerst mit Kanfers Hilfe.

Dann hat man schon andere Leute gefunden, dann haben wir den Berufsverband gegr├╝ndet, der DBV gehei├čen hat. Da bin ich in den Vorstand reingekommen und habe Kollegen kennen gelernt. Das waren in M├╝nchen eben damals die Kollegen Gottwald, Heyse, dann Schulte in M├╝nster, Kemmler. Man hat sich kennen gelernt.

M├╝nchen war das Zentrum. Da war auch noch Bergold, der aber damals gerade weggegangen war, glaube ich, aber man hat den Namen gekannt, und Birbaumer und der andere, der ├╝ber Motivation etwas gemacht hat?

Herr Tunner?

E. Jaeggi: Ja, genau. Und die haben so kleine Colloquien gehalten, Workshops. Im Grunde haben wir uns gegenseitig auf die Beine geholfen, keiner hat so viel mehr gewusst wie der andere. Und man hat immer wieder Leute aus Amerika kennen gelernt, gelesen. Und auf diese Weise bin ich Verhaltenstherapeutin geworden ...

Wir waren ungemein euphorisch. Ich habe die Psychoanalyse sofort fallen lassen, dieses lange Reden ├╝ber die Vergangenheit und so. Solche Dinge haben wir uns immer gegenseitig best├Ątigt.

Was hat denn Ihrer Meinung nach die Euphorie ausgemacht?

E. Jaeggi: Erstens, wir waren alle jung, die Patienten und die Therapeuten. Und wir waren sehr optimistisch, was gehei├čen hat, dass wir auch relativ h├Ąufig Erfolge gehabt haben. Ich halte von der Verhaltenstherapie nach wie vor eine ganze Menge, von diesem kontrollierten Vorgehen. Wir haben wirklich gelernt, eine St├Ârung zu operationalisieren, wie man da vorgeht, wie man sie abgrenzt von anderen Dingen. Ich denke, dass schon in der Art der Diagnostik ein Menge Heilwirkung gelegen hat. Und das waren junge Leute, das waren nicht irgendwie chronifizierte Neurosen komplexerer Art, sondern viele hatten Pr├╝fungs├Ąngste nat├╝rlich, Rede├Ąngste, also Dinge, die vielleicht nicht so gravierend waren. Gerade bei Angstproblematiken konnte man durch dieses kontrollierte, klare Vorgehen, die Transparenz schon relativ rasch Erleichterung verschaffen. Wenn es komplizierter geworden ist, da haben wir eh nicht soviel Erfolge gehabt, das hat man aber dann schnell vergessen. Das war schon eine Aufbruchstimmung.

Dazu gekommen ist noch diese Sache mit den 68er Jahren, also 60er, dann 68er Jahre. Wir haben das Gef├╝hl gehabt, das ist eine Therapie, die eben auch f├╝r bildungs├Ąrmere Schichten geeignet ist, wobei wir das nie ausprobiert haben, weil wir eigentlich nur mit Studenten gearbeitet haben, also zumindest in Bochum, aber die anderen haben ja auch nicht viel andere Patienten gehabt. Aber das haben wir jedenfalls immer vor uns hergetragen, dass man auch bildungs├Ąrmere Schichten erreicht.

Ein bisschen was davon stimmt auch. Das waren so unsere ersten Erfolgserlebnisse, die Vorstellung, wir sind an der Spitze des Fortschritts, es ist wissenschaftlich, es ist ├Âkonomisch. Die Vorstellung, dass das die Anwendung der Lerntheorie ist, die hat uns eine Zeit lang auch noch getragen. Nat├╝rlich ist man da sp├Ąter ein bisschen skeptischer geworden, ein paar so Skinner'sche Experimente oder Konditionierungsexperimente, so schnell l├Ąsst sich das nicht ├╝bertragen auf dieses hochkomplexe Feld, aber als Heurismus so im Kopf war es auch nicht schlecht. Funktioniert hat Vieles, und diese Vorstellung, wir sind diejenigen, die wissenschaftlich sind, und damit fortschrittlich, das hat dazu beigetragen.