Auszug aus dem Interview mit Monika Bormann:

Kannst dich noch erinnern, wieso du erst skeptisch warst, also wieso dir andere Verfahren mehr lagen als die VT?

M. Bormann: Ich denke, genau aus diesem Grund: Mir erschien - wie allen anderen auch - die Verhaltenstherapie viel zu technizistisch. Kalt. Ich habe an der Uni mit Ratten und Tauben experimentiert, und ich fand es schon schwierig, dieses Denken, was ich da gelernt habe, auf den Menschen anzuwenden.

Dann war ich in der Erziehungsberatungsstelle, bei kleinen Kindern denkt man ja auch noch, es geht, aber bei Erwachsenen habe ich immer gedacht, "Nein, die sind ja viel komplexer und das ist unmenschlich, das so zu machen". Und das ist Quatsch. Ob ich menschlich bin, entscheidet sich nicht daran, ob ich jetzt vorschlage, ein Konfrontationstraining zu machen, sondern daran, wie ich meinem Patienten gegen├╝ber trete, wie ich ihn ernst nehme, wie ich versuche, seine Schwierigkeiten m├Âglichst genau zu verstehen.

Und was mir ganz wichtig ist: Dass ich nicht versuche, ihn als krank zu diagnostizieren, also irgendeine St├Ârung zu finden, sondern versuche zu verstehen, auf welchem Hintergrund sich seine Schwierigkeiten entwickelt haben. Das halte ich f├╝r zentral: Wir agieren nicht einfach so und wir werden auch nicht einfach so krank. Davon bin ich felsenfest ├╝berzeugt, und da ich ja in der Arbeit, die ich jetzt habe, in die Schrecken des Lebens eingef├╝hrt werde, wird mir immer klarer, was f├╝r ganz simple Gr├╝nde Menschen haben, sich v├Âllig bizarr zu verhalten. Und menschlich bin ich, wenn ich da ran gehe und das ernst nehme. Und dann bin ich auf einer Ebene, die f├╝r mich ganz verhaltenstherapeutisch ist.

Damals geh├Ârte das ja noch zur Verhaltensanalyse, dass wir die Rahmenbedingungen explorieren. Das kippt jetzt im Rahmen der neueren Methoden, wo immer alles so methodenzentriert l├Ąuft, hinten runter, als wenn das keine Rolle mehr spielen w├╝rde. Ich halte das f├╝r essenziell. In welcher Lebenssituation wird eine Frau depressiv? Wie l├Ąuft das Zuhause ab? Ich habe immer ein Ergebnis aus dem Studium im Kopf, was ich nie vergessen habe, in einem Seminar von Alexa. Es ging um Epidemiologie bei Frauen, um verschiedene St├Ârungen - die h├Âchste Rate der Depression gibt es bei Frauen mit mehr als drei Kindern unter sechs Jahren ...

Wie die Kollegen und Kolleginnen denken, die jetzt diese Ausbildung machen, das wei├č ich gar nicht. Ich bin ja durch eine ganz andere Schule gegangen, bei uns hie├č es ja: Kritik Kritik Kritik, also erst mal hinterfragen wir alles, und dann sehen wir weiter (beide lachen). Es gab eine Betonung der gesellschaftlichen Zusammenh├Ąnge. Die lernen etwas ganz anderes, und die werden zwangsl├Ąufig ganz anders arbeiten m├╝ssen, oder es gibt irgendwann einen Roll Back. Das werden wir jetzt sehen. Wir kriegen jetzt die ersten Generationen an Therapeuten, die nicht mehr in anderen Modellen gro├čgeworden sind, sondern mit so einem medizinischen Modell, und das m├╝sste auch die Praxis entsprechend ver├Ąndern. Die werden vielleicht nicht mehr daran leiden, sowie ich jetzt, sondern die werden das normal finden, und sagen, "Ja, so ist das doch". Oder sie werden irgendwann merken, dass es eben doch nicht klappt ...

Was auch sicher sehr befreiend gewirkt hat, war die Experimentierfreudigkeit, jetzt kann man das auch noch ausprobieren, und dann hatte einer eine Idee, dann konnte man die auch umsetzen. Darum ist die Verhaltenstherapie auch so bunt, weil sie von ganz vielen theoretischen Ecken aus gedacht worden ist, und das Verbindende ist, dass man es halt ausprobiert und guckt, ob es funktioniert und dann weiter schaut.

Ich denke, das war das Faszinierende. Die Verhaltenstherapie ist dann, wie alle Therapien, auch an ihre Grenzen gekommen, und dann lie├č das Faszinierende auch wieder nach, weil die konnte leider auch nicht zaubern. Und neben all den Erfolgen hatte sie eben auch Misserfolge. Und es gab eben auch Leute, die sich viel besser verstanden f├╝hlten, wenn sie endlich ├╝ber ihre Kindheit reden konnten, und es verteilt sich ja nun.

Dann hat sicher entzaubernd gewirkt, dass sie den Therapeuten wenig Emotionales bietet. Wenn ich GT mache, dann bin ich ganz dicht an den Gef├╝hlen meines Gegen├╝bers, wie in der Analyse ja auch, da kriegen die Therapeuten ja auch sehr viel mit. Gestalttherapie, Bioenergetik, alles was sich da herum entwickelt hat, ist sehr emotional, und das gibt den Therapeuten viel mehr, da passiert was in der Therapie. Das kann ich auch merken: Da wird geweint, da wird geschrieen, da wird gelacht, da wird getobt.

Und die VT, die verspricht das erst mal nicht. Ich kann inzwischen sagen, - wie viele Jahre mache ich das jetzt, 20 Jahre - das passiert auch in der Verhaltenstherapie, da wird auch geschrieen und gelacht, da kriecht auch die Klientin unter den Tisch, und wei├č der Geier was, also wir haben ja auch sehr viel Gef├╝hl. Aber das hat mir die VT nicht versprochen, das hat mir das Leben gebracht. Und ich glaube, dieses N├╝chterne der VT, so wie sie sich verkauft, ist zwar medizinisch sch├Ân zu verkaufen, aber an die Therapeuten nicht so gut zu verkaufen, die haben lieber mehr Gef├╝hl.

Und ich denke, das ist auch so ein Ding, weshalb sich viele dann von der VT abwenden, weil sie denken, da werden die Menschen behandelt wie die Ratten. Das ist Quatsch, das war noch nie so. Es gab einmal einen Bericht ├╝ber Wolpe, wo jemand ihn die ganze Stunde oder ├╝ber mehrere Stunden protokolliert hat, wenn er Desensibilisierung machte, und der hat mal alles raus geschrieben, was Wolpe noch gemacht hat, au├čer Desensibilisierung. Er war sehr empathisch und freundlich usw., diesen ganzen anderen Bereich, den wir dann sp├Ąter unter "therapeutische Beziehung" lernen. Das hat er nat├╝rlich auch schon gemacht, das war nur immer so selbstverst├Ąndlich, dass da kein Wort dar├╝ber verloren wurde. Und heute wirkt die VT ├╝berhaupt nicht mehr verzaubernd. Und wenn ich mich niederlassen will und wirtschaftlich denke, w├╝rde ich ja nicht mehr VT machen.

Wegen der Stundenzahl?

M. Bormann: Ja, genau. Mindestens tiefenpsychologisch fundiert, da wei├č man zwar nicht genau, was das ist, aber ein paar mehr Stunden kriegt man ...

M. Bormann: In die DGVT reingekommen bin ich ja letztlich hier, weil ich hier studiert habe. Ziemlich viele Studenten, die hier waren und die ich nett fand, waren in der DGVT. Damals h├Ątte ich ├╝berhaupt keine Alternative gewusst, aber die DGVT hat mich von Anfang an fasziniert. Und ich denke, sie hat mich fasziniert wegen des politischen Anspruchs, der immer da war.

Es war nie nur ein Therapieverein. Ich glaube nicht, dass ich da drin geblieben w├Ąre, weil das ist bis heute noch das, was mich eher weniger interessiert. Es war dieser politische Anspruch und auch die Idee von einer besseren Welt. Das ist mir vertraut, die Idee von einer besseren Welt, ich bin Katholikin, dieses Denken in Visionen, ich glaube, das hat mich gehalten. Und dann, wenn man dann ein paar Jahre dabei ist, kennt man dann ja auch immer mehr Leute und dann wird man auch mal gefragt, "Willste nicht hier mitmachen und willste nicht da mitmachen" und so. Und Bochum war lange auch eine Hochburg der DGVT, auch weil Steffen Fliegel so lange hier war. Es gab also viele pers├Ânliche Anbindungen, einfach ├╝ber einzelne Menschen, und es gab einfach viel inhaltliche Auseinandersetzungen, weit ├╝ber dieses "Was mache ich bei welcher St├Ârung" hinaus, was ich bis heute spannend finde. Und heute bin ich auch ausschlie├člich deswegen in der DGVT und bleibe deswegen weiterhin drin ...

Ich m├Âchte die VT einbinden in unseren gesellschaftlichen Rahmen und m├Âchte weiter politisch denken. Mein Thema ist zum Beispiel Geschlechterfrage, wie bildet die sich ab in der VT, was kann man da machen ... die Gewaltfrage, wir kucken viel zu weit weg von der Gewalt, die Gewalt ist so was von real, und daf├╝r Konzepte entwickeln, daf├╝r sorgen, dass unsere Ausbildungen das vertreten ...

Also es sind immer diese Themen um die Therapie herum, die mich faszinieren, die f├╝r mich spannend sind und f├╝r diese Themen hab ich in der DGVT Platz. Mehr Platz sogar als f├╝r direkte Therapieentwicklung, die ist igentlich eher unterrepr├Ąsentiert bei uns, aber das andere ist auch das, was mich fasziniert. Und das ... sehe ich so in keinem anderen Verein.