Auszug aus dem Interview mit Bernhard Scholten:

Als du w├Ąhrend deines Studiums in Bochum begonnen hast, dich mit der Verhaltenstherapie auseinander zu setzen, war da diese Euphorie des Anfangs noch sp├╝rbar?

B. Scholten: Also Euphorie ist, glaub ich, eine falsche Beschreibung. Euphorisch war das sicherlich nicht, also w├╝rde ich  nicht so sagen ... Das Spannende daran war das Gef├╝hl oder das Wissen, nicht ich kann Menschen ver├Ąndern, sondern Menschen k├Ânnen sich ver├Ąndern, also Ver├Ąnderung ist m├Âglich. Wenn man die Lernprinzipien und die anderen Prinzipien, die die Psychologie entdeckt hat, richtig anwendet, dann sind Ver├Ąnderungen machbar. Also du bist sozusagen nicht mehr zur├╝ckgeworfen auf deine alten Geschichten, sondern du kannst dich auch daraus befreien. Und das war der eine Aspekt.

Wir haben dann ja auch diese ganzen Selbstver├Ąnderungsprogramme gemacht und selbstverst├Ąrkt und all die ganzen Dinge. Und es hat auch etwas bewirkt. Und das war sozusagen der eine Aspekt.

Also war das f├╝r dich unmittelbar wahrnehmbar, dann auch in deiner Arbeit mit den Klienten und Patienten?

B. Scholten: Genau. Ja, also bei mir selber, mit den Klienten und den Patienten: also auch von der Theorie her zu wissen, Menschen k├Ânnen sich ver├Ąndern, Menschen k├Ânnen lernen sich zu ver├Ąndern, also das muss man auf folgendem Hintergrund sehen:

Ich bin ein Kind der sozialdemokratischen Bildungsreform gewesen ... Und da war klar: Das ist m├Âglich, also auch Menschen aus den kleinsten Verh├Ąltnissen, egal ob die Eltern arm oder reich sind: Du kannst was werden. Und ich denke, das steckt auch so dahinter, ... diese Erfahrung selbst gemacht zu haben und zu merken, das ist sozusagen auch wissenschaftlich fundiert.

Das unterst├╝tzt dann auch die ganzen Punkte, die ich vorhin schon von der Psychoanalyse erz├Ąhlt habe: Da wird nichts "rumgeheimnist", und da sitzt nicht der gro├če Guru irgendwo, der alles kann und alles immer besser wei├č und alles interpretiert. Sondern die Prozesse sind offen, das Verfahren ist transparent, da werden Vertr├Ąge geschlossen, da werden Ziele vereinbart, da werden Schritte vereinbart, man erkl├Ąrt dem Gegen├╝ber, was man macht. Also es ist keine Hexerei, sondern einsehbar, transparent. Das, denke ich, waren so die Punkte, die auch emanzipatorisch oder demokratisch waren, wie die Begrifflichkeiten damals so waren. Wir haben uns damals schon als Studenten ganz klar abgegrenzt gegen diese Token-Programme und gegen diese Rattenpsychologie, sagen wir mal gegen diese Skinnerianschen Geschichten.

Da kam ja damals dann die kognitive Wende ... Man musste sich sozusagen immer gegen├╝ber anderen verteidigen - also nicht in Bochum, das war in Bochum nicht diese gro├če Diskussion - aber wenn man woanders war, musste man sich immer auch gegen├╝ber anderen verteidigen. Aber eigentlich hatte ich immer so im Kopf ,"Ich mache nicht diese -  ja - primitive, konditionale Verhaltenstherapie", sondern f├╝r mich war Verhaltenstherapie eigentlich von Anfang an mehr als nur ... S, V, C, also Verhalten und Konsequenz und solche Geschichten.

In den 80er Jahren war es dann der Punkt, an dem ich Schwierigkeiten bekam, .... n├Ąmlich mit der Medizinisierung der Verhaltenstherapie. Es wurde der Fachverband Verhaltenstherapie, der FKV, gegr├╝ndet. Anfang der 80er Jahre hatte sich die Arbeitsgemeinschaft ├Ąrztlicher Verhaltenstherapeuten, A├äVT, gegr├╝ndet: die waren erst noch in der DGVT und haben sich dann abgespalten und haben sich dann als FKV ...

Ach, die waren erst in der DGVT? Das war mir gar nicht klar.

B. Scholten: Ja, das war eine Arbeitsgruppe. Das war w├Ąhrend meiner Vorstandst├Ątigkeit. Und die haben dann den FKV gegr├╝ndet. Wir haben da heftig diskutiert. Ja? Und ich durfte dann als DGVT-Vorstand damals das Gru´┐Ż?wort ├╝berbringen, als die sich gegr├╝ndet haben Mitte der 80er Jahre.

Also das habe ich eigentlich immer kritisiert, also dass die Verhaltenstherapie reduziert wurde auf die funktionalen Beziehungen und letztlich ja medizinisiert wurde. Es kommt den Medizinern auch sehr entgegen durch die Art und Weise, wie es ist ...

Und meine Antwort auf die Frage, wie sich die Verhaltenstherapie sich so gut entwickeln konnte, lautet: weil es diese gegenl├Ąufigen Prozesse waren. Zum einen so der linke Fl├╝gel, der das Emanzipatorische gepuscht hat, vielleicht repr├Ąsentiert in der DGVT oder zumindest in Teilen davon; und dann die andere Seite, so dass die Verhaltenstherapie sich dann sehr schnell in das medizinische System integrieren konnte und auch von denen genutzt wurde. Ich denke, die beiden Bewegungen, die haben sich gegenseitig nach oben geschaukelt und haben dar├╝ber dann die "Verhaltenstherapie" (diese immer in Anf├╝hrungszeichen, weil es die Verhaltenstherapie nach meiner Vorstellung eigentlich nicht gibt), also dass dar├╝ber sich die Verhaltenstherapie dann auch in dem gesamten System eingebracht hat und daraus so stark geworden ist. Das ist meine Einsch├Ątzung so.

Ich glaube, die DGVT war ja nicht ein Verband, hoff ich mal, der einer engen Verhaltenstherapie das Wort geredet hat, sondern eigentlich einer ├ľffnung hin zu diesem Begriff der Allgemeinen Psychotherapie - also zumindest ist das meine Position auch. Und ich f├Ąnde dies auch w├╝nschenswert. Es wird immer wieder dar├╝ber diskutiert, warum hei´┐Ż?t die DGVT eigentlich DGVT, also warum VT, warum kann man da nicht einen anderen Begriff hinsetzen.

Das ist auch immer wieder mal Thema, n├Ą?

B. Scholten: Das war in den 80er Jahren schon Thema, ging aber da so in Richtung Gemeindepsychologie: soll das mit in den Titel rein oder soll man nicht sagen "Deutsche Gesellschaft f├╝r Psychotherapie", also einen umfassenderen Titel, der sich nicht auf die Verhaltenstherapie beschr├Ąnkt, weil auch immer unklarer wurde, was Verhaltenstherapie eigentlich ist. Wenn man das als offenes System begreift, als System, das aus der Klinischen Psychologie kommt, ist das ja eigentlich auch ein Begriff, der so nicht passt und stimmt.